Hittisau-Sonthofen

Etappe 03: Im Schnee versunken

Start: 791 m.ü.M, Ziel: 738 m.ü.M, Min: 735 m.ü.M, Max: 1324 m.ü.M
Weg: 8 Std 10, 27 km, ↗ 897m, ↘ 950m, GPX-Track, KML-Pfad, Karte

2. April 2024: Meine erste Tat nach dem Morgenessen ist der Gang zur Post. Ich packe alle nicht essentiellen Dinge in ein Paket und schicke den Kram nach Hause. Wäre irgendwie vermeidbar gewesen, wenn ich den Rucksack vor der Abreise gewogen hätte. Exakt 1704 Gramm trage ich ab nun nicht mehr. Hört sich nach wenig an, fühlt sich aber wie Tag und Nacht an.

Mein Weg führt mich auf einer kleinen Landstrasse hinauf zu einem Pass, dessen Name ich auf dem Navi nicht ausmachen kann. Auf etwas über 1300 Meter geht es. Noch bin ich zuversichtlich, nicht durch den Schnee waten zu müssen.

Gleich zu Beginn gibt es urtümliche Walser-Siedlungen. Scheint aber niemand da zu sein, ich bin ganz alleine unterwegs. Gut, wer will schon bei erneutem Regen durch die Landschaft ziehen.

Langsam geht es bergauf. Die Strasse ist geteert, bald folgt das Mauthäuschen, das witzigerweise auch mit Douane beschriftet ist. Die Grenze zu Deutschland ist nicht mehr allzu weit entfernt, aber Douane klingt mehr frankophil denn nach Germany. Der Bus kostet im übrigen nichts, die Zeche berappen die Fahrgäste mit je 50 Cent.

Wie gesagt, niemand ist heute unterwegs, ich habe die ganze Strasse für mich und wandere doch lieber am Rand, denn der Asphalt wird auch heute nicht zu meinem Freund. Entschädigt werde ich mit einer urtümlichen Landschaft und enormer Stille.

In Hittisau habe ich reichlich eingekauft. Das wäre nicht notwendig gewesen, denn unterwegs gibt es viele Ess- und Trinkautomaten. Die Häuschen sind allesamt stilgerecht in Holz verpackt, der Automat topmodern. Nur eben, ich konnte ja nicht ahnen, dass es unterwegs derart viele Möglichkeiten gibt, um Stärkung nachzuladen und so lasse ich all die Gourmet-Kasten mit reichlich Wehmut alleine zurück.

Weiter oben ein kleines Seelein, auch hier bin ich allein, einzig ein paar Enten begrüssen mich mit reichlich Geschnatter.

Auf dem Navi präsentiert sich die Grenze ganz nah. Naiv wie ich bin, bilde ich mir ein, bei der Grenze müsste ja auch der Pass sein. Leider war dem nicht so. Und überhaupt, die Grenze ist ein Nichts, ein kleines Flüsselein, dass ich leider von der falschen Seite passiere. Knapp trocken durchgekommen, und trotzdem viel zu früh gefreut, dass dem so bleibt. Von Grenze keine Spur, erst wer bereits auf deutschem Boden ist, findet ein Schild mit der Inschrift ‘Land Vorarlberg’.

Was dann folgt, war nicht ganz so lustig. Deutschland begrüsst mich zwar schildlos, aber mit sattem Schnee. Und leider geht es stetig bergauf. Hinter jeder Ecke glaube ich den Pass zu erkennen, aber dann realisiere ich, nein das dauert wohl länger.

Ich hätte nicht gedacht, derart im Winter zu landen, gute 1300 Meter sind ja jetzt nicht im engeren Sinne hochalpin. Wohl weit über eine Stunde sinke ich knietief in das kalte Nass ein. Bald sind meine Füsse unausweichlich mit Wasser gefüllt. Ich komme nur mühsam und langsam im Schnee voran, der Pass, wo bleibt er nur?

Etwas Linderung verschaffen seitwärts die Bäume, dort ist der Schnee meist schon geschmolzen. Es ist im sprichwörtlichsten Sinne etwas grenzwärtig. Ganz von oben gibt es keine Bilder ich war ganz einfach derart am Anschlag, dass ich das Knipsen bleiben liess.

Auf der anderen Seite gibt es zum Glück eine Fahrstrasse, der Schnee darauf bald schon geschmolzen. Es geht gemütlich bergab.

Noch immer bin ich ganz allein unterwegs. Irgendwann zwei Radler mit angeschnallten Skis. Ob die hochfahren und von dort eine Skitour unternehmen, oder den Pass mit Ski und Rad meistern, konnte ich nicht in Erfahrung bringen, denn die beiden brausten mit derart guten Tempo an mir vorbei, dass ich nicht mal ein Foto knipsen konnte, geschweige denn fragen konnte, wohin die Reise gehen sollte.

Meine Reise geht nach Sonthofen. Bevor ich dort bin, muss ich abermals hinauf. Immerhin, die Sonne und ein paar Wölklein grüssen. Es könnte gar romantisch oder idyllisch sein, wenn da nicht die Füsse noch immer durchnässt wären.

So wate ich denn mit sumpfigem Schritt über Alpweiden. Angenehm wäre anders, im Vergleich zur Schneetortour am Vormittag darf der Jammerfaktor aber als nebensächlich betrachtet werden.

Die Idylle wird jäh zerstört, als ich den Allgäuer Berghof erreiche. Alpen-Disney scheint mir noch positiv formuliert, denn rechts und (nicht im Bild) fahren derart monumental die Bagger auf, die Szenerie dürfte auch (wenig schmeichelhaft) als zubetoniertes Berggrab bezeichnet werden.

Weiter unten habe ich die Natur wieder für mich. Der Blick nach Sonthofen und in die schneebedeckten Bergketten ist allumfassend, genauso im übrigen wie der Abstieg.

Am Ende bin ich auch heute erst eine Viertel vor fünf in Sonthofen, das Hotel am Gleis 1 empfängt mich ohne Reception. Immerhin, telefonisch werde ich eingelassen. Erschöpft entledige ich mich der nassen Schuhe. Hoffen wir einfach, dass morgen alles wieder trocken ist — und vor allem auch bleibt.

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